MILCHMARKT UPDATE: Zuteilung? Newsletter No. 172| 31. August 2026
«Im guten Jahr verkauft der Senn an jeden. Im schlechten Jahr erinnert er sich, wer im guten Jahr treu war.» Antoine der Käsekünstler; Gruyères, um 1680, eine historische Romanfigur, die uns in jedem guten Käsekeller begleitet.
Rückblick & Ausblick
Die Auswirkungen des trockenen, heissen Sommers sickern in unterschiedlichen Geschwindigkeiten in den europäischen Markt. In UK ziehen die Preise für jungen Cheddar an und liegen jetzt rund 0.20 £/kg über den deutschen Preisen. Aber auch in Kontinentaleuropa ist der billige Spotmilchpreis verschwunden: Wer heute Milch sucht, zahlt einen Aufpreis – die anderen Produkte werden folgen.
Ab November entscheidet Ozeanien. Die NOAA hat im August-Update die Wahrscheinlichkeit eines sehr starken El Niño für Herbst/Winter 2026/27 auf über 90% angehoben, für Oktober bis Dezember auf rund 95% – und beziffert erstmals eine 69%-Chance, dass das Ereignis alle El Niños seit 1950 übertrifft. Bis Frühjahr 2027 liegt die Fortbestandswahrscheinlichkeit bei 97%. Neuseelands neue Saison startet mitten hinein. Dazu der Futtermangel: Die Schlachtzahlen steigen, und geschlachtete Kühe geben auch 2027 keine Milch.
Unsere Empfehlung, gleich wie letzte Woche
Herbst-Lücken jetzt schliessen, nicht nächste Woche. Nov./Dez.: die Mehrheit der Mengen zu heutigen Konditionen sichern. Q1 2027: erste solide Tranche jetzt, der Rest mit den NZ-Daten im Oktober. Das Kalkül: Kippt Neuseeland, sind die heutigen Preise die tiefsten bis weit ins 2027. Liefert es wider Erwarten, füllt neuseeländisches Pulver Europas Käselücke ohnehin nicht. Auch wenn der EU-Preisvorsprung bei SMP gegenüber den USA geschmolzen ist, ändert das nichts am Kalkül: Kippt Ozeanien, zieht der Weltmarkt beide Seiten mit.
Unsere Calls, nachgemessen (Stand KW 35)
13.07.: «Kaufen» — Edamer 3,05 → 3,395 €/kg (+11,3%) · Gouda 3,12 → 3,405 (+9,1%) · Mozzarella 3,40 → 3,685 (+8,4%) · SMP 2.710 → 3.105 €/t (+14,6%)
27.07.: «Q3 voll decken, Tsunami-These» — seither Standardkäse +4 bis +6%, SMP +12%.
Milchanlieferung (KW 33)
- Deutschland: −0.5 % zur Vorwoche, + 2.5 % zum Vorjahr
- Frankreich: −1.2 % zur Vorwoche, - 0,1 % zum Vorjahr
D: Treiber sind vor allem Süddeutschland mit dürrebedingt schlechter Grundversorgung und stark steigenden Kuhschlachtungen (KW 34: +17,5 % zum Vorjahr, nach +36,4 % in der Vorwoche), dazu anhaltend niedrige Inhaltsstoffe.
Pulse Event 115: Pulver fester, Milchfett schwächer
Beim Pulse Event 115 legten die Pulver deutlich zu: NZ-SMP Medium Heat stieg um 7,80% auf 3'595 USD/t, Arla-SMP um 4,32% auf 3'505 USD/t, WMP-Regular um 2,85% auf 3'610 USD/t. Milchfett gab dagegen nach, ungesalzene Butter sank um 1,82% auf 5'135 USD/t, AMF Premium verlor 6,54% auf 5'930 USD/t.
Futures: Europa und Neuseeland fester, USA schwächer.
Die EEX legte über die Woche klar zu (SMP +2,55%, Butter +0,92%, Molke +5,84%), ebenso die SGX (SMP +2,05%)
CME gab mehrheitlich nach (Butter -2,37%, Käse -1,22%).
Seit Jahresende 2025 führt SMP die Bilanz an: +50% EEX, +43% SGX, +52% CME.
Spot – Molke an der EEX +48%.
Frankreich: Produktion und Absatz
Frankreichs Milchprodukt-Exporte entwickelten sich im ersten Halbjahr bei +2,8 % Milchanlieferung überwiegend steigend; seit Mai stagniert das Aufkommen allerdings. Auffällig: lose Milch +132,3 % (Spanien als neuer Hauptabnehmer mit rund 70 % Anteil), Magermilchpulver +27,8 % (Drittländer: Ägypten, Libyen, Indonesien), Kondensmilch +32,3 %, Kasein +29,2 %. Käseexporte dagegen leicht rückläufig (-0,4 % auf 339.907 t), während die Käseimporte um 8,3 % auf 281.197 t stiegen – Deutschland verlor dabei 6,9 %, Italien, Niederlande und Belgien legten zu. Der traditionelle Butter-Importüberschuss Frankreichs sank um rund 19.900 t.
UK: Milchmenge bricht ein – Käsepreise laufen der EU davon
Die britische Milchanlieferung liegt 4% unter Vorjahr; Dürre, Hitzestress und Blauzungenkrankheit lassen für 2027 Schlimmeres befürchten, Oktober-Milch wird bereits mit 40p (ca. 47 Eurocent) bezahlt. Milder Cheddar notiert bei £3'200, Händler erwarten £3'800 zum Jahresende.
UK-Aussenhandel: Juni schwach, YTD noch positiv
Die Exporte fielen im Juni um 8,63%, bleiben YTD aber bei +2,12%, getragen von Käse (+15,4%), Butter (+33,6%) und SMP (+31,9%).
USA: Produktion wächst trotz Rekordhitze
Trotz des wärmsten Juli seit 1895 stieg die US-Milchproduktion um 2,3% auf 8,80 Mio. Tonnen, fast ausschliesslich durch Herdenwachstum (+2%), während die Leistung je Kuh stagnierte. Der Erzeugerpreis gab auf $21.10/cwt nach.
US–Kanada: Milch bleibt der Kernstreitpunkt
Trump hat 50%-Zölle auf kanadische Exporte im Wert von C$28 Mrd. verhängt, Kanada reagierte gleichwertig; im Zentrum steht der kanadische Grenzschutz für Milch. Aus unserer Sicht ist dieser Protektionismus der falsche Weg: Kanada schützt einen kleinen Industriezweig und beschädigt dafür seine grossen Exportindustrien – je kleiner das Land, desto wichtiger sind offene Grenzen. Zulagen, die Wettbewerbsnachteile ausgleichen, sind dagegen kein Protektionismus, sondern dessen Gegenteil.
Rabobank: Die 20 größten Molkereien 2025, Emmi zum ersten Mal dabei
Lactalis führt das Ranking unangefochten vor Nestlé und DFA. Arla steigt durch die DMK-Fusion auf Platz 4 und zur größten europäischen Molkereigenossenschaft auf. Neu vertreten sind Magnum (ehemaliges Unilever-Eisgeschäft) – und erstmals Emmi auf Platz 19. Der Gesamtumsatz der Top 20 lag 2025 bei 267 Mrd. USD (+5,4 %).
FrieslandCampina investiert in die Molke FrieslandCampina hat in Gerkesklooster die Milchannahme erneuert und die Molkeverarbeitung optimiert – der Standort liefert neu Molke in Säuglingsnahrungsqualität zur Weiterverarbeitung nach Borculo. Die grossen Verarbeiter investieren konsequent dort, wo die Marge liegt: in der Molkekaskade.
A-ware übernimmt Butterspezialisten LaBan Foods Royal A-ware will den niederländischen Butterspezialitäten-Hersteller LaBan Foods (rund €50 Mio. Umsatz, 60 Mitarbeitende) übernehmen und verbreitert damit gezielt sein Portfolio. Die Übernahme steht unter Vorbehalt der Wettbewerbsbehörde ACM.
Käse
- Blumenwiesenkäse (Rohmilch/Premium): auf Herbst steigend.
- Standardkäse (pasteurisiert): Der Markt festigt sich die dritte Woche in Folge. Edamer, Gouda und Mozzarella legen weiter zu, milder Cheddar am stärksten – die UK-Nachfrage strahlt auf den Kontinent aus. Entscheidend: Die sinkende Milchverfügbarkeit beeinflusst zunehmend Produktions- und Allokationsentscheidungen; für kurzfristige Zusatzanfragen steht bei Schnittkäse keine Ware mehr bereit.
- Volumenkäse/Dekanter: Wenig Angebot, nur gefrorene Ware.
- Hi-Lo (High Protein/Low Fat): Grana Padano stabil, Schweiz plus 9,6%, immer noch 17% unter Vorjahr.
Milchpulver
- SMP: Neunte Woche in Folge steigend, höchstes Niveau seit Sommer 2022, getrieben von knappen Beständen. Der EU-Preisvorteil gegenüber den USA ist in Dollar gerechnet praktisch verschwunden – das weitere Aufwärtspotenzial hängt damit stärker an Ozeanien als an Europa. Bei Molkenpulver verengt sich der Abstand zwischen Food und Feed.
- WPC80/WPI90: WPC80 stabil in einem noch nicht voll angelaufenen Markt, WPI90 bei geringer Liquidität unter Druck. Die Sportnahrung weicht zunehmend auf MPC und Casein aus, die sich weiter verteuern – die Lücke schliesst sich. In den USA das umgekehrte Bild: WPC80 schwächer, WPI90 stark gefragt.
Flüssigmärkte
Der saisonale Rückgang der Anlieferung, anhaltende Trockenheit und Sorgen um ein Shamonda-ähnliches Virus in Nordwesteuropa treiben die Flüssigpreise. Magermilchkonzentrat erreicht das zweithöchste Niveau seit Sommer 2022, Rohmilch verteuert sich in allen Regionen – der Spotmarkt liegt zunehmend über den Vertragsmilchpreisen. Wer heute Milch sucht, zahlt drauf.
Milchfett
Rahm steigt auf das höchste Niveau seit KW 11 und notiert über dem Butteräquivalent – knappes Angebot trifft auf starke Nachfrage aus dem Frischesegment. Butter bleibt dank hoher Bestände noch stabil; entweder korrigiert der Rahm, oder die Butter zieht nach. Bei sinkender Anlieferung ist Letzteres wahrscheinlicher. AMF fester bei ruhigem Handel.
Schweiz, steuerlos?
Dürre 2026: Die Folgen kommen erst
Der PAS-Lagebericht (24.8.) zeigt schweizweit fehlende Schnitte, stillstehende Weiden und bereits angebrochenes Winterfutter; der Bauernverband schätzt die Ausfälle auf mindestens eine halbe Milliarde. Tierverkäufe und vorgezogene Schlachtungen laufen, die wirtschaftliche Phase beginnt erst mit der Winterfütterung. Für die Milchanlieferung heisst das: Druck bis weit ins 2027.
In der Schweiz bricht wie in UK die Milchmenge ein. Die UK-Käsepreise laufen der EU davon: Milder Cheddar notiert bereits 10% über der EU-Quotierung, Tendenz steigend. Man fragt sich, ob Europa nur später dran ist oder am Steuer schläft. Und in der Schweiz?
Verfügbarkeit Q4: Die Schweizer Produktionen sind weitgehend durch feste Lieferrhythmen gebunden, Spotmengen bleiben eng. Wer Volumen braucht, bestätigt früh.
Preistrends nach Quartalen
Q3 2026 — steigend
- Blumenwiesen-Käse: auf Herbst steigend
- Gouda/Schnittkäse: steigend
- Mozzarella: steigend
- Cagliata: steigend
- Hi-Lo: steigend
- SMP: moderat steigend
- Butter: hohe Lager, eher neutral
- WPC80/WPI: WPC80 seitwärts, WPI90 unter Druck, Substitution durch MPC/Casein
- WMP: Seitwärts bis leicht fester
Q4 2026 — steigend (hochgestuft von «neutral bis leicht bullisch»)
- Blumenwiesen-Käse: steigend
- Gouda/Schnittkäse: steigend
- Mozzarella: steigend
- Cagliata: steigend
- Hi-Lo: steigend
- SMP: moderat steigend, Hersteller weitgehend auskontrahiert
- Butter: neutral bis fester, Rahm läuft voraus
- WPC80/WPI: steigend
- WMP: abhängig vom NZ-Peak
Q1 2027 — steigend; das Ausmass hängt an El Niño (Fokus Ozeanien)
- Blumenwiesen-Käse: steigend
- Gouda/Schnittkäse: steigend
- Mozzarella: steigend
- Cagliata: steigend
- Hi-Lo: steigend
- SMP: steigend, sofern die Lager abgebaut sind
- Butter: steigend, sobald der Lagerpuffer kippt
- Molkenproteine: steigend
- WMP: steigend
Gründe und Annahmen für steigende Preise
- Tiefe Milchauszahlungspreise in der EU.
- Höhere Kosten für Energie und Dünger.
- Hitze und Trockenheit in Mitteleuropa: eingetroffen — Anlieferungen sinken, Gehalte tief.
- Hohe Rindfleischpreise als Schlachtanreiz — die aktuelle Schlachtwelle drückt sie kurzfristig (Wartelisten bei den Schlachthöfen).
- Sinkende Milchauszahlungspreise in Neuseeland.
- El Niño: offiziell — NOAA-Advisory mit über 90% Wahrscheinlichkeit für ein sehr starkes Ereignis im Herbst/Winter 2026/27 (Okt.–Dez. rund 95%), Fortbestand bis Frühjahr 2027 bei 97%.
- El-Niño-Starkregen in Südamerika (Nov./Dez.).
- Die USA können die Rückgänge anderer Regionen nicht kompensieren; die steigende Verschuldung der US-Farmen bremst die Expansion.
- Nachfrage: Restocking aus dem Nahen Osten ab September, China mindestens stabil.
- Neu: Steigende Kuhschlachtungen in Europa — der Bestandsabbau wirkt bis weit ins 2027.
- Neu: Die Schweizer Produktion sinkt bei drastischen Auszahlungsdifferenzen (BO-Milch/NZZ) — die Strukturbereinigung bei den Verwertern beginnt.
Im Juli nannten wir neun Faktoren mit einer Richtung. Drei sind eingetroffen oder offiziell bestätigt, zwei sind dazugekommen. Die Richtung ist dieselbe.
Strategischer Ausblick — Strategie schlägt Opportunismus
Das europäische Milchmengenwachstum verlangsamt sich rasch, die Opportunisten sind die Ersten, die nicht mehr liefern können: Spotware ist die Restmenge, die übrig bleibt, wenn die Stammkunden bedient sind. Es bleibt immer weniger übrig.
Die alte Regel gilt wieder: Im Überschuss kauft jeder gleich gut ein, in der Knappheit wird zugeteilt. Zugeteilt wird nach Beziehung, nicht nach Tagespreis.
Eine strategische Lieferantenbasis ist jetzt die Versorgungsgarantie. Wer sie hat, plant. Wer sie nicht hat, sucht.
Wir sind für Sie vor Ort – unsere Messepräsenz
- SIAL, Paris: 17.–21. Oktober 2026
- Marca, Bologna: 13.–14. Januar 2027
- Cibus, Parma: 4.–6. Mai 2027
- Mondial, Tours: 12.–14. September 2027
Gönnen Sie sich einen echten Schweizer Blumenwiesenkäse aus Rohmilch. Nicht nur Genuss, sondern ein Stück Lebensfreude für die Seele.
Herzliche Grüsse, Affineur Walo
Unser Antrieb: Wir sichern das Gleichgewicht im Schweizer Milchmarkt und liefern allen Marktteilnehmern objektive Marktinformationen — zum Nachprüfen
Diese Prognose beruht auf unserer Markterfahrung und stellt keine definitive Vorhersage dar. Für Richtigkeit und Abweichungen übernehmen wir keine Haftung.